Patienteninformationen sind oft medizinisch falsch oder nicht laienverständlich


Fast jeder Mensch interessiert sich für die Gesundheit, und Gesundheitsinformationen zählen zu den populärsten Themen. Überall wird man fündig – ob in Zeitschriften, Frauen- und Sportmagazinen, in Tageszeitungen, im Fernsehen, in Gesundheitsratgebern oder in Büchern, und natürlich zunehmend in neuen Medien wie dem Internet. Laut Umfragen informieren sich die meisten Leute zuerst im Internet über ihre Beschwerden, bevor sie ihren Arzt oder Apotheker fragen.

Schlimmer noch: Viele Leute behandeln sich immer öfter selbst, um die Praxisgebühr und die hohen Zuzahlungen bei rezeptpflichtigen Medikamenten zu sparen. Gehen sie schließlich doch zum Arzt, konfrontieren sie ihn mit ihren „angelesenen“ Tipps zu Diagnose und Behandlung, die mitunter durchaus sinnvoll und richtig sein mögen, zum Teil aber auch medizinischer Nonsens. Denn die Qualität von gedruckten Gesundheitsinformationen lässt oft zu wünschen übrig. Nicht immer sind die Informationen medizinisch richtig, oder der gedruckte „ärztliche Rat“ ist so unverständlich, dass er missverstanden wird.

Das Fatale daran ist: Viele Menschen nehmen das, was sie lesen, für bare Münze. Gerade deshalb ist Medizinjournalismus ein hoch anspruchsvolles und äußerst sensibles Feld. Der Autor medizinischer Texte hat eine große Verantwortung und Sorgfaltspflicht, denn wenn er etwas Falsches schreibt, gefährdet er die Gesundheit seines Lesers. Wer die falsche Pille nimmt, weil er es irgendwo gelesen hat, trägt den Schaden. Leider wird dies oft nicht so eng gesehen – mitunter sogar von denen, die selbst Gesundheitstexte schreiben und veröffentlichen.

Im Internet sind die Grenzen offen

Selbstverständlich gibt es sehr viele gute, medizinisch richtige und sprachlich verständliche Patienteninformationen. Renommierte und seriöse Herausgeber legen Wert auf die Qualität ihrer Publikationen. Doch wie kann man – vor allem als medizinischer Laie – die Spreu vom Weizen unterscheiden? Es gibt heute schon eine fast unüberschaubare Vielzahl von Angeboten an Gesundheitsinformationen, und es werden täglich mehr.

Die größte Gefahr falscher oder schlechter Weisheiten birgt das Internet. Studien zufolge besuchen 30 Prozent aller Deutschen (das sind 10,3 Millionen Deutsche) Gesundheitswebseiten, und Gesundheit ist Top 2 im Internet. Hier bekommt man das, was man sucht schnell, billig und umfassend – aber auch unberechenbare Inhalte.

Den ersten Weg zur Information im Internet nimmt der User meist über eine Suchmaschine. Wer zum Beispiel „Darmkrebs“ bei Google eintippt, erhält knapp eine halbe Million Suchergebnisse. Ob er dabei spontan auf eine seriöse Adresse stößt, die ihn medizinisch richtig, ungefärbt und dabei auch noch verständlich über die Erkrankung informiert, kann ihm niemand mit Sicherheit sagen. Und vor allem nicht, welche unter dieser Million die „Gute“ ist. Denn in seinen Suchergebnissen finden sich mit Sicherheit zahlreiche Übeltäter.

Tipps vom „Hobbymedizinjournalisten“

Wie erkenne ich eine gute medizinische Information? Eine der wichtigsten Fragen, die sich jeder Leser stellen sollte, ist: Wer hat die Gesundheitsinformation geschrieben? Die meisten Medizinjournalisten populärer Gesundheitsinformationen sind keine Mediziner, und Medizinjournalist ist kein geschützter Beruf. Der vermeintliche „Tipp vom Doktor“ kann also in Wirklichkeit auch vom Philologen stammen. Das muss keineswegs schlimm sein, kann aber. Denn im Prinzip kann jeder selbsternannte „Hobbymediziner” auf seiner privaten Website oder bei diversen unseriösen Gesundheitsportalen die größten Medizinirrtümer verbreiten, entweder absichtlich oder aus mangelnder medizinischer Kenntnis.

Aber wer jetzt nach dem Doktor schreit, der ihm die „richtige Medizin“ erklärt, wird oftmals kurz darauf verstummen und stirnrunzelnd über dem Artikel eines selbsternannten „Hobbyjournalisten“ aus der Ärzteschaft sitzen. In unverständlichem Arztkauderwelsch (das viele Patienten zu genüge aus der Praxis kennen!) versuchen viele Ärzte – mit besten Absichten – dem Laien die Welt der Medizin in Wort und Schrift nahe zu bringen. Und ignorieren dabei, dass sie ihr eigenes Wissen nicht voraussetzen dürfen und dass nicht jeder Patient einen Abendkurs in Medizinischer Terminologie belegt hat. Ein skurriles und sicherlich extremes – aber leider nicht seltenes – Beispiel ist der folgende Satz, der einem Patienten-Informations-Text über eine Blutkrankheit entnommen ist: „Bei intravenöser Morphiumapplikation kann es zu Hypoventilation, Hypoxie und zum Akutem Thorax-Syndrom kommen, weshalb bei dem Patienten alle 2 Stunden eine Peak-flow-Spirometrie indiziert ist.“  Das tut weh und hilft nun wirklich keinem Kranken.
So extrem ist die Situation natürlich – und glücklicherweise – auch nicht immer. Selbstverständlich muss nicht jeder, der einen Gesundheitsartikel schreibt, Arzt sein. Ein Medizinjournalist sollte allerdings gewisse Fertig- und Fähigkeiten aufweisen können – sowohl ein medizinisches Grundverständnis als auch sprachliches Know-how. 

Schreiben kann doch jeder?

Nicht jeder Arzt muss ein Journalismusstudium, und nicht jeder Nichtmediziner muss ein Medizinstudium absolvieren, um vernünftige Gesundheitsinformationen für Laien schreiben zu können. Und um beides gleichzeitig und mit derselben Intensität zu betreiben, bleibt in der Regel weder Zeit noch Raum. Aber klar ist, dass beide – Journalist und Mediziner – etwas dazulernen und sich aneignen müssen. Und daran mangelt es leider häufig, denn qualifizierte Ausbildungsangebote in Medizinjournalismus sind heutzutage immer noch eine Seltenheit.

Schreiben kann nämlich eben nicht jeder, denn das muss – genau wie das Entfernen einer Gallenblase – erst gelernt werden. Eine Doktorarbeit oder ein medizinisches Gutachten geschrieben zu haben, qualifiziert noch lange nicht zur Publikation von Patienten-Informations-Texten. Das journalistische Handwerk – Recherchieren, Dokumentieren, Formulieren, Redigieren und Präsentieren – ist niemandem in die Wiege gelegt. Ärzte müssen sich bremsen, keine Anleitung für ihre Kollegen zu schreiben, quasi einen „Arzt-Informations-Text“. Fachtermini gehören ebenso wenig in laienverständliche Texte wie zahlreiche Substantivierungen, passive Formulierungen und verschachtelte Sätze.

Nichtmediziner, die sich das Verfassen von Patienten-Informations-Texten „zutrauen“, sollten sich nicht zu sicher auf ihr „angeborenes Gesundheitsverständnis“ berufen. Aussagen wie „Ich wollte früher auch Ärztin werden“ oder „Ich habe mich schon immer für Medizin interessiert und lese viel darüber“ qualifizieren ebenso wenig zum Medizinexperten wie der Spruch „Meine Cousine ist Krankenschwester, über sie bekomme ich schon Einiges mit“. Viel wichtiger als die Base ist nämlich die Fähigkeit des Autors, medizinische Zusammenhänge interpretieren und auswerten zu können. Er muss den menschlichen Körper und das Zusammenspiel seiner Funktionen verstehen.

Will der Autor komplexe medizinische Sachverhalte laienverständlich wiedergeben, ist besonderes Gespür und Vorsicht geboten: Er muss vereinfachen, darf aber nicht verfälschen. Darin liegt oft die Schwierigkeit, aber auch die größte Gefahr. Es empfiehlt sich, den Text immer von einem Fachmann, zum Beispiel einem Arzt, gegenlesen zu lassen. Das fachliche Lektorat gehört genauso zur Korrekturschleife wie das sprachliche Lektorat. Grundlegende Basis guter Texte ist die Verwendung valider Recherchequellen. Welche dies sind und wie sie zu benutzen sind, muss jeder Medizinjournalist lernen – egal ob Arzt oder Nichtarzt. Leider findet man unter populären Gesundheitstexten häufig gar keine Quellen, und der Autor kann sich bei Nachfragen „nicht mehr genau erinnern“. Dabei wäre es doch wünschenswert, wenn auch der Gesundheitstipp in der Illustrierten wissenschaftlich gesichert ist.

Gute Seiten, schlechte Seiten

Was ist also nötig? Erstens, es muss mehr Aufklärung und Transparenz geschaffen werden über die „guten“ und die „schlechten Seiten“. Es ist wichtig, dass sowohl Laien, als auch ihre Therapeuten, zumindest ansatzweise einschätzen können, ob und wobei es sich um seriöse und glaubwürdige Gesundheitsinformationen handelt. Ein Ziel, das sich beispielsweise die ÄZQ, das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin der Bundesärztekammer und der Kassenärztliche Bundesvereinigung, auf die Fahne geschrieben hat und sich unter anderem für qualitative Patienteninformationen einsetzt.

Einige Institutionen sorgen als eine Art „Gesundheitspolizei“ im Internet für Qualität und Ordnung. Organisationen wie die AFGIS oder die HON-Foundation erstellen Kriterien, die qualitativ hochwertige und transparente Gesundheitsportale ausmachen. Doch den meisten Menschen sind weder die Organisationen selbst noch deren Gütesigel bekannt. Für die inhaltliche Richtigkeit der medizinischen Informationen ist zudem letztlich immer der Betreiber der Seite verantwortlich. Celia Boyer, die Geschäftsführerin von Health on Net, wünscht sich, dass Ärzte das Internet in ihre Beratung einbeziehen, indem sie die richtigen Seiten empfehlen. Doch Ärzten sind diese Seiten, die „Informationsquellen“ ihrer Patienten, oft unbekannt.

Zweitens, vor allem gut geschulte und verantwortungsbewusste Medizinjournalisten braucht das Land. Die sich darüber bewusst sind, welch sensibles Thema sie publizieren. Die, egal ob sie Laie oder Mediziner sind, eine adäquate medizinjournalistische Schulung absolviert haben. Doch genau diese guten Ausbildungsmöglichkeiten sind in Deutschland noch zu rar gesät. Ein Aufruf auch an all jene „guten“ Medizinjournalisten, jedem Interessierten die Wichtigkeit, Verantwortung und Schönheit des medizinjournalistischen Berufs nahe zu legen und die Freude am Beruf zu vermitteln. Und damit ein Stückchen mehr dazu beizutragen, dass keiner mehr die falsche Pille schluckt – zumindest nicht, weil er es irgendwo gelesen hat.